Sommerabend. Aus den geöffneten Fenstern in der City dringt Musik. Keine synthetische – Studenten üben im Duett oder Quartett. Alles klingt durcheinander. Posaunen, Geigen, Bratsche, selbst Harfe und ein einzelnes Klavier. In den Zimmern muss es an diesem abend sehr warm sein. In meiner Vorstellung erreicht mich Schweißgeruch. Sie arbeiten und ackern in diesen kleinen Räumen, ein Raum an den anderen gepresst, für all die vielen Willigen. Um 100stel Sekunden wird gerungen, dabei in dieser Geschwindigkeit noch jede Taste sicher anschlagend. Ausdruck und Stimmung des Stückes wird gesucht – die Interpretation, wessen? Und immer sehe ich auch den Lehrer oder Dozent neben diesen Arbeitern stehen und sagen: Noch mal von vorne, da capo, und diesmal ….
Dann, ist es irgendwann geschafft. Sitzt vielleicht in einem Orchester. Der Dirigent kommt, begrüßt der Zeremonie entsprechend den „ersten“ Geiger. Was müsste und würde ich alles tun, um auch irgendwann der Zeremonie entsprechend als 1. Geiger begrüßt zu werden. Wo wird „Zweiter“ sein deutlicher? Wie viel Stunden mehr müsste ich üben, pro Tag, pro Woche? Wäre das ökonomisch? Stellt sich diese Frage überhaupt? Selbst, wenn es keiner von mir verlangen würde, auf dem Stuhl des „ersten“ Geigers würde ich schon einmal gerne sitzen. Mit Leistung, die dem Sitzen auf diesem Stuhl entspricht, würde ich eines Tages der Zeremonie folgend als „erster“ Geiger begrüßt.
Leistung für Anerkennung.
Oft kommt es mir vor, wenn von unserer Leistungsgesellschaft gesprochen wird, als wäre dies ein System, das uns von fremden, außerirdischen Wesen aufgezwungen wird und sich steigern kann bis zum: Friß oder stirb.
Ein Grund, dass sich dieses System so etablieren konnte, ist nach meinem Dafürhalten das Streben nach Anerkennung. Und nicht selten streben besonders die danach, mich eingeschlossen, die ein Defizit darin verspüren. Das ist kein Makel oder eine Wertigkeit dieser Personen, hat nichts mit gut, schlecht, krank, oben, unten zu tun –
es ist lediglich ein Defizit, das Ausgleich sucht.
Die Leistungsgesellschaft, die sich so sehr am Starken orientiert, erwachsen auch aus unseren Schwächen. Kompensation – ein Begriff, der für mich noch viel Unentdecktes beinhaltet.
Hallo Menachem,
„Kompensation – ein Begriff, der für mich noch viel Unentdecktes beinhaltet.“
Auch auf diesem Gebiet bist Du nicht allein auf dieser Welt. Willkommen im Club
LG
@Michael, ich fühle mich bei euch Bestens aufgehoben.
Anerkennung durch Leistung. Leider ist das nur allzu wahr.
Ich habe mal „Die Unfähigkeit zu trauern“ gelesen, und wenn ich sehe, wie sehr Leistung Fetisch ist, dann denke ich immer daran.
@Violine, auch ich habe eine Geschichte, an die ich oft denken muss, und die wahr ist.
Im späten Mittelalter wollte ein Kaiser herausfinden, welches die wahre Muttersprache der Menschen ist. Er meinte, es wäre die seine. Dies sollte als Grund beweisen, das er allein für die Herrschaft dieser Welt bestimmt ist.
Neugeborene ließ er also dazu ohne jegliche sprachliche Kommunikation von Hebammen pflegen, mit der strengsten Auflage, kein Wort zu sprechen.
Bevor die Babys dann soweit waren zu beweisen, welches die wahre Muttersprache ist, waren sie gestorben – seelisch verhungert.
Wir brauchen also zum Leben mehr als Luft und Wasser, und vielleicht ist auch Anerkennung Überlebenswichtig. Nur, während Anerkennung in meinem Leben immer in einer umstritten Position stand, wird Liebe heroisiert.
Und dagegen wehre und winde ich mich auch selbst innerlich.
Wenn ich heute sage, Ja, ich brauche Anereknnung, werde ich meist nur unverständlich angeschaut. Vielleicht brauche ich etwas mehr Anerkennung als andere, weil mir etwas Liebe fehlte? Kompensation – ich weiß es nicht.
Die Geschichte mit dem Kaiser kenne ich. Brutal.
Anerkennung braucht jeder, das sage ich auch. Es fragt sich halt, woher die Anerkennung kommt.
An sich ist es, denke ich, wie bei allem beim Menschen: Auf das Mass kommt es an. Wenn Anerkennung nur über Leistung geht, dann wird es schlimm. (Ich bin vor ein paar Jahren über ein Krankheitsbild gestolpert, das ich gar nicht leiden kann, und die kennen Anerkennung nur über Leistung. Das normale soziale Miteinander ist denen unbekannt und Liebe unvorstellbar.)
Anerkennung aus Leistung an sich ist wohl in Ordnung, das braucht jeder. Es ist schon was, wenn man was geleistet, und dafür Anerkennung bekommt.
Hallo Menachem,
zur Anerkennung:
Wie so vieles „ernten“ wir Anerkennung, weil wir vorher…
Doch oft genug ist der Boden, das Wasser, das Saatgut schlecht/verfault/ausgelaugt. Und manchmal macht uns auch das Wetter einen Strich durch die selbst erstellte Rechnung.
Die Kunst besteht darin sich selbst nur das Vorzuwerfen (und daraus zu lernen), was man hätte beeinflussen/anders machen können
LG
@Violine, ich glaube, das bedarf einer Portion Selbstbeherrschung, diesem Krankheitsbild gegenüber zu stehen. Ich kann nur hoffen, das diese Kranken wieder gesund werden dürfen.
@Hallo Michael, ich grüße dich herzlich. Meinst du Kausalketten wenn -dann? Wäre toll, wenn ich mich davon mehr entfernen könnte. Manchmal bekommt man doch auch etwas, auf das man garnicht hingewirkt hat. Auch etwas zu tun, ohne auf Anerkennung verpischt gewesen zu sein, und dann erhält man sie auf einmal.
Loslassen, vertrauen – das wäre etwas was ich mir vorwerfen könnte, zukünftig noch besser zu machen. Doch, wie du schon sagst – daraus zu lernen.
LG, Menachem
@Menachem:
Ich musste lachen, als ich Deinen Kommentar las. Du hast es erfasst.
Leider ist das Leiden meist ein lebenslanges Leiden. Es ist keine Krankheit an sich, sondern eher eine Störung, sodass man medikamentiv kaum etwas machen kann.
Hallo Menachem,
all unser Handeln/ unser Wirken hat eine Ursache/ einen Grund. Nicht immer verstehen wir das Eine oder das Andere. Nicht immer müssen wir, aber häufig ist es hilfreich Zusammenhänge zu verstehen.
Ein Beispiel:
Auf der Grundlage operierend, dass das einzig prägnante „Alleinstellungsmerkmal“ unserer Spezies die Fähigkeit zum bewussten Denken ist, habe ich meinem Nachwuchs erklärt unter welchen Bedingungen biologische Liebe und Zuneigung unter Menschen zustande kommen kann. Und also sollten sie dazu in der Lage sein auf die prägnanten Rahmenbedingungen zu achten. So werden sie nicht zum Opfer ihres Körpers, sondern zumindest diesbezüglich zu Tätern, zu bewusst Handelnden. Wenn sie sich dann für einen Lebenspartner entscheiden, dann nicht weil ihr Körper danach schreit, sondern weil er ihrem Geist ihrem Denken nahe genug ist.
Im Prinzip ist es die Reinheit der nachhaltigen Wahrheit, die sowohl der Anerkennung als auch dem Respekt eine spürbare Substanz verleihen.
LG
„Im Prinzip ist es die Reinheit der nachhaltigen Wahrheit, die sowohl der Anerkennung als auch dem Respekt eine spürbare Substanz verleihen.“
Ohne Worte dazu, Michael, – diesen Satz kann man nur wirken lassen.
Die ‘Handschlagbegrüßung’ des ‘1. Geigers’ durch den Dirigenten ist ein Ritual. Eine Art Anstandsgeste, ein symbolischer ‘Vertragsabschluss’ zwischen den beiden Partnern Orchester und Dirigent für den einen Moment des gemeinsamen Musizierens. So, wie alle im Kollektiv wirkenden Menschengruppen zum gegenseitigen Gelingen sich Glück wünschen. Damit hat weder ein Orchester, noch der in ihm spielende einzelne Musiker, noch der Dirigent ein Problem. Die Rangordungsauseinandersetzungen finden wegen anderer Verteilungen statt. Zu leistende Arbeitszeit, materielle Vergütung, ‘Karriere – und Entwicklungschancen’ spielen eine weit größere Rolle.
@gemeinsamleben
„Vielleicht brauche ich etwas mehr Anerkennung als andere, weil mir etwas Liebe fehlte?“ Ja, mir ging es so in meiner Kindheit. Mir träumte, ich wäre ein wirklich helfender Arzt oder ein Leben rettender Feuerwehrmann, dem alle nach seiner Tat dankten.
Im Übrigen habe ich erfahren, daß die die Fähigkeit
anzuerkennen, ein wichtiger Bestandteil von Liebesfähigkeit ist. Die Sucht nach Anerkennung aber alle Liebesbezeugungen ins Leere laufen läßt.
Geben ist eben einfach besser als nehmen. Hm.
Peter, zwei Dinge.
1. Du benennst es, was bisher unausgedrückt schon in meinem Beitrag mitsschwingt:
Die Sucht nach Anerkennung.
Damit wird dem Beitrag sein wirklicher Inhalt zugewiesen.
2. Du unterscheidest, zwischen der Fähkigkeit und der Nichtfähikgkeit – und ich verstehe damit, so wie du weiterschreibst, die Nichtfähigkeit als Sucht.
Die Suche nach der Fähigkeit – ist das die Sucht des Nichtfähigen? Da steckt viel mir unerklärbares Richtiges drin und viel Mitgefühl, für den suchend süchtigen oder müsste es heißen für den süchtig suchenden?
Und wenn du schreibst, du hast es so „erfahren“, dass dies ein Bestandteil von Liebesfähigkeit ist, dann liegt darin für mich auch wieder unerklärbares Richtiges.
Und dieses „unerklärbares Richtiges“ meine ich sagt mir, das ich das auch schon erfahren habe, es mir aber bisher unbewusst geblieben ist.
Und nun frage ich mich, kann ich aus dem unbewusst richtig empfundenen auch unbewusst richtig handeln. Ich vermute ja – aber, was ist immer richtig?
Hab Dank, dass du meinen Kopf wieder so in Bewegung gesetzt hast – aber die handelnde Tat, die fehlt mir noch sehr.