Mein Vater, Jahrgang 1920, heute in Frankfurt lebend, verbrachte seine Kindheit in Lodz. In den 30 umliegenden Häusern seines Viertels, die einem Deutschen gehörten, lebend mehr Menschen als heute in einem mitteldeutschen Dorf. In den zwei Zimmern ihrer Wohnung wurde gewebt, geschlafen, geboren, geliebt, gezankt, gefeiert. Man half sich – aber jeder musste selbst schauen, wo er bleibt – kaum Platz für Rücksicht. Eine Überlebensstrategie, schon früh erlernt, die ihn vielleicht die Kriegsjahre überleben ließ, als einzigsten seiner Familie. In dieser wahrscheinlich unbewussten Strategie kenn ich ihn – bis heute.
Meine Mutter, Jahrgang 1922, und schon seit vielen Jahren tot, war, um es ganz genau zu beschreiben, das exakte Gegenteil. Unausweichlich – das in dieser Konstellation häufig die Fetzen flogen.
Aber da gab es auch die kleinen Botschaften, wie: gibt doch was ab, das macht man nicht, sei nicht so egoistisch, denk mal an die anderen – diese leisen, immer wiederkehrenden Bitten zum Umdenken.
Heute, nach vielen Jahrzehnten meines Lebens, gehe ich mit meinem Vater durch die Stadt, nehme seine Art des Überlebens wahr, merke, wie es sich in meinem Magen dabei dreht, und denke: Es hat etwas Gutes gehabt.
Genau diese Gegensätzlichkeit der Beiden, die nicht stumm gelebt wurde und mit immer wiederkehrenden Wiederholungen auch nie zum Stillstand kam, hat mich geprägt. Dabei wurde ich in einer Gesellschaft groß, die immer wohlhabender wurde und sich den Luxus der Rücksichtnahme leisten konnte.
Heute habe ich immer öfter den Eindruck, das der Wohlstand der Gesellschaft sich diesen Luxus der Rücksichtnahme nicht mehr so leisten kann und das nach den 2 Schritten nach vorne, die wir bisher gemacht haben, jetzt der eine Schritt nach hinten ansteht.
Und so unspektakulär diese kleine Geschichte ist, so reicht sie, um meinem Vater über den Kopf zu streicheln und zu denken: Bleib noch ein bisschen.
Die letzten beiden Sätze, die ich gestern abend aufgeschrieben habe, waren diese: „Streiten bedeutet, die eigene Selbstbehauptung zu üben. Richtiges Streiten ist gesund.“
Oft haben wir Angst vor dem Streit, aber konstruktiv gelebt, kann er sehr wertvoll und wichtig sein.
Vielen Dank für diesen schönen Text!
Danke dir auch, Julia, und du bringst noch einen sehr persönlichen Gedanken in mir hervor.
Meine erste Ehe ist nach fast 30 Jahren aus dem Unvermögen des Nichtstreitens können wollen, gelöst worden. Meine zweite ist aus dem Willen zum Streit entstanden.
Dabei meine ich, das Streiten Ausdruck und die Folge des Wunsches zum Zusammenbleiben ist, was sich dann automatisch auch in der Streitkultur ausdrückt – dass bis an die Grenzen des Anderen gehenden, aber nie überschreitenden.
Im Unvermögen dazu liegt vielleicht schon die Resignation, die nicht den Mut und die Kraft in sich birgt, den Stier an den Hörnern zu packen.
Hallo Menachem,
heute mal von Unten nach Oben:
- Kleine Geschichten:
89 Jahre! Ich wünsche euch noch viele, viele Jahre miteinander. Atmet, riecht und seht euch so oft ihr noch könnt. Ihr seit beide Geschichte, beide bedeutendes Erleben in dieser zerrissenen Lebensgemeinschaft…
- Eindrücke, Häufigkeiten und Wohlstand:
Bitte bedenke das auch im Hier und Jetzt die am lautesten rufen, welche am ehesten fürchten müssen etwas zu verlieren zu haben. Und dies sind nicht die welche sich ihr Vermögen redlich verdient/ erarbeitet haben…! Streicht man deren rückratloses Gewimmer, Gejammer und Gejaule aus dem Äther der öffentlichen Berichterstattung heraus, bleiben z.B. allein in den Printmedien kaum mehr als werbeverzierte, sonst weisse Blätter übrig! Im Radio spielten sie den ganzen Tag Musik und berichteten kaum mehr über Wirtschaft…
- Gegensätzlichkeit, Luxus der Rücksichtnahme:
Was wir erlebten und erleben sind die Auswirkungen einer gesamtgesellschaftlich als positiv propagierten Kommunikationsblockade. In einer regelrecht zwanghaft individuellen nebeneinander her existierenden Wesen (Gesellschaft kann man ja kaum mehr sagen), gilt es als Mangel, als Negativ mit Substanz kommunizieren zu wollen. Ergo darf auch nicht offen vor dem Nachwuchs gestritten, sich auseinander gesetzt werden. Das macht man nicht, dass gehört sich nicht…
Folgt nicht den falschen Götzen, den Scheinheiligen, den Erbarmungswürdigen!
- Jahrgang 1920, Lodz und Strategien:
Schau dir an was auf dem Boden der alten Dame Europa geschehen ist! Frieden! Wie wundervoll, wie wertvoll dieser ist. Alles ist möglich im friedlich Fächer des Friedens, der Freiheit. Doch im Krieg reduzieren sich diese Möglichkeiten auf jene die garantiert funktionieren. Unsozial ODER Vollsozial, es gibt kein VON zu BIS mehr, es gibt nur mehr das Absolute. Sie haben überlebt, weil sie das gelebt hatten, sie haben miteinander gelebt, weil das eine das andere ergänzte, im Streit wie in der Einigkeit
Ein wirklich schön spektakulärer Artikel
LG
Hallo Michael, nicht in der Augsburger Puppenkiste, sondern in einem Einkaufscenter dort, arbeiten wir noch bis morgen gute 15 Stunden pro Tag. Das mache ich gerne, aber es macht so schlapp, das ich noch lesen kann – aber danach verweigert das Gehirn jegliche Aktivität.
Bis bald, liebe Grüße nach B.,
Menachem
Hallo Menachem
Ich freue mich, dass Dein Artikel am Dienstag in der erscheint erscheint und damit auch Dein Blog bei uns aufgeführt sein wird.