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Bald jährt er sich wieder. Der Jahrestag 03. Oktober. Tag der deutschen Einheit.

Mit meinem nachfolgendem Beitrag möchte ich zum Nachdenken anregen, sowohl für die Menschen in den alten wie auch in den neuen Bundesländern:

  1. „Was wäre wenn……,“-  vor allem unter dem Aspekt, dass die großartige Integrationsleistung der Menschen aus der ehemaligen DDR, die überwiegend im Stillen verlief, in den alten Bundesländern vielfach noch immer nicht entsprechend gewürdigt werden kann (man stelle es sich umgekehrt vor, ca. 60 Millionen Westdeutsche müssten sich quasi über Nacht in einer ganz anderen Gesellschaftsordnung neu orientieren), wie auch
  2. „Was wäre wenn…..,“- es wirklich so gekommen wäre wie in der unten beschriebenen Fiktion erfunden, wie auch
  3. dass wir alle nur sehr schwer über unsere Schatten springen können, wenn es um kleine, aber sehr elementare Bestandteile unserer unterschiedlichen Sozialisierung geht. Und:
  4. das wir gegenseitig die unterschiedlichen Systeme noch immer sehr eingeschränkt betrachten und verstehen, im GUTEN wie im WENIGER GUTEN – wie mein folgender Beitrag zeigt.

 

Auf der anderen Seite 

(Eine Fiktion)

 

Ich bin im sogenannten kapitalistischen System der Bundesrepublik Deutschland „groß geworden“, in welchem eigene und ungeschriebenen Gesetze in den Kasten galten, also in der „der Armen“, „der Mittelschicht“ und „der Reichen“. ( „groß geworden“ – welch kleine Redewendung mit viel nachdenklichem Inhalt, denn-, kann man, wenn man groß geworden ist, auch wieder klein werden, und selbst, ginge es: Wäre es dann exakt mit umgekehrten Vorzeichen möglich oder bliebe doch immer etwas anhaften, was unumkehrbar ist, und……….?)

Nun denn. Kirche und Religion hatten noch einen regulativen Einfluss in diesem Gesellschaftssystem (als ich darin groß geworden bin), was auch in der Namensgebung der großen Parteien zum Ausdruck kam. Viele feine Nuancen in diesem System wurden von Kindesbeinen an mit uns immer und immer wieder eingeübt, in unterschiedlichster Weise und mit unterschiedlichem Erfolg, wie z.B. der des „Geben und Nehmen.“

Nein, nicht alles war gut. Aber auch nicht schlecht. Aber es kam anders. Im Einigungsvertrag vom 31.August 1990 wurde festgelegt, dass ein sozialistisches System, nach dem Muster der Deutschen Demokratischen Republik, die neue und gemeinsame Staats- und Gesellschaftsform des neuen Deutschlands werden soll.

Mir hatte das alles ganz gut in dem Kram gepasst. Ich war knapp vor der 40 und hatte alles, was man sich materiell in diesem Alter wünschen kann. Allerdings spürte ich schon damals, dass es auch sehr viel persönliche Kraft kostete, diesen Wohlstand aufrecht zu erhalten. „Konsumverzicht“ ging mir seinerzeit immer wieder durch den Kopf und nun waren über Nacht, aus Gedanken, Realitäten geworden. Ich war begeistert, wenn auch irgendwie, na, ich sage mal: Mit gemischten Gefühlen.

Anfangs waren die Veränderungen schleppend und kaum spürbar. Erst 1992, zwei Jahre später, nahm die Sache an Fahrt auf. Wir zogen aus unserem Haus, das zukünftig dem ortsansässigen Vorzeigebetrieb, dem VEB Porzellanmanufaktur, für seine vielen Wirtschaftsdelegationen zu dienen hatte. Das fanden wir nicht ganz so toll, war aber auch nicht zu ändern. Allerdings, – damit verschwanden gleichfalls meine oft schlaflosen Nächte, ob denn nun die Hypothek am Ende des laufenden Monats wieder bedient werden könnte. Unsere neue 4-Raum Wohnung lag dann sehr schön in einem neuerrichteten stadtnahen Wohngebiet und die 80,00 Mark Miete waren echt ein Kracher.

Ein wenig traurig war ich dann allerdings schon, da komm ich nicht umhin es zu beschönigen, als ich mein Auto der Wirtschaftskammer DfV (Devisen fürs Volk) übergab. Kraftfahrzeuge englischer Herkunft, also hergestellt im unbelehrbaren imperialistischen und kapitalistischen Westeuropa, waren nicht gerne gesehen. Man versprach mir aber, bald dafür als Ausgleich einen relativ guten und gebrauchten Volkswagen erstehen zu können. Und, falls ich in die Partei eintreten würde und meine Kaderakte weiterhin einen positiven Verlauf nehmen würde, könnte dieser Traum  schon innerhalb der nächsten 3 Jahre Wirklichkeit werden. Es hat dann, wie ein Wunder, nur 2,5 Jahre gedauert aber aus der Partei bin ich wieder ausgetreten. So richtig konnte ich mit den ganzen Wendehälsen nicht warm werden. (Übrigens, mein Motorrad, amerikanischer Herkunft mit den Initialen HD, hatte ich schon ein Jahr vorher in einer Nacht- und Nebelaktion außer Landes geschafft. Oh, oh, oh… gut, das davon keiner was mitbekommen hatte.)

Na ja, was soll ich viel erzählen. Heute bin ich fast 65 Jahre und Rentner. Kann wieder morgeNS lang schlafen. An das frühe aufstehen hatte ich mich nie gewöhnt, wie auch an andere kleine und unwichtige Details. Wählen? Wozu, warum? Und, Gottschalck ging nach Amerika, Westerwelle in die Schweiz, und die ewig Gestrigen nach Österreich. Bulgarien und Ostsee waren immer schön, aber total überlaufen. Den roten Platz habe ich nie gesehen und Novosibirks ist eine irre intersannte Stadt und lange nicht so langweilig wie der Krüger Nationalpark. Löwen kann ich auch im Leipziger Zoo sehen, und das sind keine 9 Flugstunden. 35 Minuten mit der 8. Und von wegen „Wiege der Menschheit“. Ich hatte dort keine „Wiege“ gesehen, als ich noch als Sklave des „höher“ und „weiter“-Systems dort urlaubte. Etwas schade finde ich allerdings, dass die Interflug Kuba von der Liste genommen hat. Da soll jetzt Bürgerkrieg sein. Die Anzahlung bekommen wir allerdings zurück. In Gutscheinen.

Demnächst ziehen wir in eine kleinere Wohnung. Die Kinder sind ja mittlerweile aus dem Haus und der Genosse von der Wohnungsbau meinte, dass diese große Wohnung ja jetzt den Werktätigen mit ihren Kindern zustehen würde. Klar, das ist ja selbstverständlich. Nur, woher wusste der das alles? Und diese Details?

Ist aber auch egal. Der ganze neumodische Kram, von dem der Genosse in der Nachbarwohnung immer hinter vorgehaltener Hand quatscht, wie Internet, Hybrid, Bio, Vegan, Handy….. und was weiß ich, geht mich nix mehr an. Denn: Ich hab ja meinen Schrebergarten, der mir sehr viel und große Freude macht, besonders, meine Mohrrüben-Züchtung. Mir ist es tatsächlich gelungen, verschiedene Mohrrübensorten zu züchten. Und zwar nicht nur, dass zu jeder Jahreszeit eine Ernte möglich ist, nein, jede Sorte hat auch eine besondere Farbe. Die einen rot, wie ihr sie alle kennt, die anderen grün, eine andere Sorte blau und meine Lieblingssorte: Violet. Ja, richtig: V I O L E T E  Mohrrüben! Man, ist das nicht geil? Ich hab`s ja schon immer gesagt: Irgendeine Herausforderung braucht doch der Mensch.

Oder?

Matthäus 26,41 oder….

…meine erste Zigarette.

(Ein Tatsachenbericht, zur weiteren und freien Assoziation des Lesers geschrieben)

Wir waren in unserer Clique erst 13 oder 14 Jahre jung, – aber irgendeiner brachte immer Zigaretten mit. 12 Stück für 1,00 DM. Sie waren niemals legal in unseren Verfügungsbereich gelangt. Mutter`s Geldbörse oder die damals neumodischen Gitterhalterungen an den Kassen der ersten Supermärkte machten es uns nicht sonderlich schwer, die gewünschte Anerkennung in der Clique zu erhalten. 50 Jahre her, und noch immer sehe ich die Bilder der Beschaffungsmassnahmen so deutlich vor mir, als wär`s gestern. Nein, Adrenalin dieser Art habe ich nie gewollt und nie gebraucht. Dennoch habe auch ich es getan, wollte ich weiterhin dazu gehören.

Oft wird in diesem Zusammenhang vom „Gruppenzwang“ gesprochen. Aber ich glaube, dass „Zwang“ die Sache nicht trifft und diese Wortschöpfung mehr einer Verniedlichung dienen soll. Gegen Zwänge kann man sich wehren. Wenn auch schwer. Deswegen würde ich es mehr als „Instinkt“ bezeichnen, die die Zugehörigkeit zu einer Gruppe aufrechterhalten will. „Überlebensinstinkt“. Die Gruppe bietet die Möglichkeiten, die ein Einzelner nicht frei setzen kann, geht es um`s Ganze. Ums Eigene. Leben.

Ja, und dann kam irgendwann die Mutprobe. „Los, mach jetzt. Du musst den Dampf der Zigarette einatmen.“ Jeder musste diese Mutprobe absolvieren und mein Körper wehrte und sträubte sich mit aller Kraft, diesen ekelhaften Qualm in die Lunge zu lassen. Anfangs. Doch mit jedem weiteren Lungenzug wurde die Abwehr schwächer und schwächer, bis ich nach gar nicht langer Zeit sogar Gefallen daran fand und abhängig nach diesem ekelhaften Lungenzug wurde. Und fortan schmeckte dieses langsam tödlich wirkende Zeug.

Für das erste Glas Bier brauchte es dann keine Mutprobe mehr. Ich spülte das abscheuliche Getränk wie eine Selbstverständlichkeit unter aller Augen hinunter. Nichts verriet nach außen meine Unverständlichkeit, wie und warum man so etwas trinken und sich antun muss. Auch hierbei hat es nicht lange gedauert, bis das abscheuliche Getränk eine Wirkung in mir erzeugte, die ich mochte.

Und alles wider besseres Wissen. Das hatte ich. Schon in sehr jungen Jahren versuchte meine Mutter mir eine Sicht der Distanz beizubringen: „Wenn jetzt alle die Rheinbrücke hinunterspringen, springst du dann auch? “ Aber Theorie ist nur ein netter Gast, wenn ich am reich gedeckten Tisch sitze. Denn der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach (Matthäus 26,41)

Ich schreibe das alles weil ich der Meinung bin, dass ich machtlos in der Auflehnung gegen meine eigenen Instinkte bin. Und nicht umsonst versagt uns die Evolution bis heute den Triumph des Geistes über das Fleisch. Sollte dieser Tag und Sieg jemals kommen, wird es glaube ich der „schwärzeste“ Tag, den die Menschheit jemals haben wird.

Der Preis bis dahin ist, mit „dem“ zu Leben und „das“zu akzeptieren, wie es ist. (K)ein hoher Preis,- das sich der Überlebensinstinkt, für mich als „Angst“ wahrnehmbar, jeweils in der Gruppe formiert, in der ich meine eigenen größten Chancen sehe. Chancen, – die ich wahr nehme, um durch Anerkennung und Machtstreben meine Zugehörigkeit zu erhalten und zu festigen. Selbst, wenn ich hin und wieder dabei des ekelhaften Beigeschmacks wegen kotzen möchte. Diese Instinktgetriebenheit lässt sich m.E.n. weder durch Elternhaus noch durch Bildung wegoperieren. Die Theorie wird nicht siegen. Die gefühlte Wirklichkeit, in der wir leben, entscheidet. Und diese wird durch die Gesellschaft gestaltet. Politiker sind dabei nur der verlängerte Arm, der Spiegel. Absolut überbewertet. Aber als Schuldige taugen sie allemal.

Und so wird also aus manchen Gruppierungen – wie aus einem Schneeball – eine Lawine, ein Sandsturm,  ein Tsunami… Offenen Auges können wir manchmal diese natürlichsten Katastrophen der Welt auf uns zu kommen sehen. Beginnen zu rennen, und rennen immer schneller, und noch schneller in der Hoffnung, das eigene Leben retten zu können. Manchmal sind die Menschen schnell genug. Manchmal nicht.

Wir können wegsehen und verdrängen. Oder wir können hinsehen und hoffen. Jeder so, wie er kann. Und jeder hat Recht. Sein Recht.

HOUSE OF ONE

Am Sonntag, 11.09.2016, hörte ich die Übertragung des Gottesdienstes aus der Marienkirche in Berlin. Christen, Muslime und Juden gedachten dem 15. Jahrestag des Anschlages auf das World Trade Center. Und sie stellten dabei nochmals das „HOUSE OF ONE“ vor. Drei Religionen unter einem Dach. Und in der Mitte eine Begegnungsstätte. Offen und frei für alle. Für den Bau ist es möglich, einen Stein zu spenden.

Die Religionen haben Menschen so oft entzweit. Nun geht eine erste mutige und kleine Gemeinschaft aktiv den umgekehrten Weg.

Bonhoeffer hat immer daran geglaubt.

 

Sommerferien. Viele Erst- und Zweitklässler kommen in dieser Zeit zu Oma und Opa. Nach Leipzig Grünau. Für mich hier, – eine der gelungensten Metamorphosen städtischer Wohnkultur.

Heute Vormittag spielen die Buben Fußball. Auf einer der großen Wiesen. Und dabei erscheint es ihnen unmöglich zu sein, mal für einen Augenblick still zu halten. Aus den kleinen Kraftwerken ihrer drahtigen und jungen Körpern entströmt eine nicht enden wollende Energie.

Ich steh am Fenster und schau` ihnen zu. Knapp 60 Jahre später hat mich das Leben zum genauen Gegenteil dieser unbekümmerten Spaßbande geformt. Drahtig? Könnte man evtl. noch zu mir sagen, wenn ich direkt neben Obelix stehe. Bewegung? Jeder Schritt wird mittlerweile auf seine absolute Notwendigkeit durchgecheckt. Kraftwerk? Meins ist bis ins rote Feld ausgelastet, wenn ich allein mein Gewicht (das doppelte bis dreifache dieser Jungen) ins 2. Stockwerk zu transportieren habe. Fußball,- klar, das geht noch. Aber nur im Fernseher.

Und was denke ich dann?

– als bekennender Hedonist, mittlerweile tüchtig vollschlank und behäbig?  Hey, man…, alles so normal. Ohne jeden Spaß und mit Widerwillen müsste ich mich quälen, um in die Nähe der Facon zu kommen, die das neue Bild der Ausgedienten suggeriert. Immer aktiv und jung, in die rosige Zukunft eines nie enden wollenden Lebens schauend. Alles Kappes. Shitbull, und nur den Millionengehältern der Vorstände dienend, die mit hinterhältigster und tiefenpsychologischer Werbung sich eine neue Konsumentengruppe erschließt: Die Alten.

Was steht im „Buch des Lebens“, – „Die vier Jahreszeiten“? Wer kennt den Schluss? Ist es ein Happy End?

Die jungen Buben, die heute Vormittag hier Fußball spielten, sie haben vielleicht gerade das 7. oder 8. Kapitel ihres „Lebensbuches“ gelesen. Meine/unsere Kinder lesen gerade Kapitel 27, 35 und 39. Und natürlich meinen sie, mit großer Selbstsicherheit, sie wüssten schon Alles, was in den weiteren Kapiteln folgt. Und was notwendig ist zu tun, gleich einem Pokemon oder Monopoly Spiel, um bis zu Kapitel 100 vorzudringen. Tja, aber die folgenden Kapitel gelesen, habe nur ich. Mittlerweile bleibe ich ruhig dabei, denn es würde sie ihrer Erfahrung und der Spannung berauben, würde ich von Kapitel 39 bis 64 berichten. Und wenn, wäre es auch nur ein Auszug aus meinem Buch.

Der Islam spricht vom dem Buch, in dem bereits „Alles“ fest niedergeschrieben steht. Ich habe das Buch noch nicht zu Ende gelesen. Wieviel Kapitel kommen noch? Was wird darin stehen?

Hhm…, irgendwie, das Nichtwissen, – das macht es weiterhin spannend!

You dont know me

dem wahrscheinlich nicht nur ich aufgesessen bin, ist, im Ruhestand  endlich mal all` das machen zu können, was man schon immer mal machen wollte. Mit dem Ruhestand werden Träume und Wünsche wahr. Hurra-, das Leben ist schön. Ziel erreicht.

Meine bisherige kurze Rentner-Probezeit will diesem Bild nicht entsprechen. Es zwickt und zwackt überall. Die eingetretene Ruhe fährt die Produktion von Adrenalin und Dopamin herunter. Auch das Immunsystem schaltet einen Gang zurück.  Ein „Tennisarm-Syndrom“ und „Gewichtszunahme“  sind die ersten Folgen. Das Treppensteigen fällt schwerer, meine „Nichtraucherphasen“ werden immer kürzer und schwieriger einzuhalten, Kommunikation, Interaktion, Disziplin,- vieles fährt einen Gang runter. Selbst „Urlaub“ ist gestrichen, denn: von was sollte sich ein Ruheständler durch Urlaub ausruhen und erholen müssen? Von seinem anstrengendem „Nichtstun“? Ja, reisen. So könnte man es nennen. Das geht noch. Aber das,- ist Nichts wirklich Neues. Und mit dem Wohnwagen durch die engen Strassen von Palermo wird auch mit zunehmenden Lebensringen nicht unbedingt einfacher und stressfreier.

Kurzum:

Das Leben ist schön, so lange man GESUND ist. Selbst Teil im Fluss des aktiven gesellschaftlichen Lebens ist. Wenn Bewegung jeder Art, –  noch Bedürfnis– , und nicht Notwendigkeit ist.

Ich glaube, und das möchte ich mit diesem Beitrag verarbeiten und auch zum Nachdenken an die weiterreichen, die dem Tag x noch entgegen streben:

Wenn man sein Leben auf die freie Zeit nach dem Arbeitsleben und den damit verbundenen Wünschen und Träumen fokussiert ( in der Stress, Angst, Mobbing, Fremdbestimmung… , ihren Raum verloren haben sollen), dann wurde die

bis dahin gelebte Zeit des Lebens falsch verstanden.

Denn gerade diese Zeit war, so denke ich heute,

die beste und schönste Lebenszeit.

Vielleicht auch, dass dabei gerade viele Nebenschauplätze- und Herausforderungen notwendig sind, um die starke Intensität des Lebens spüren zu dürfen.

Ich weiß auch von Menschen, und bitte diese hiermit um Nachsicht, die ein ungesundes und schweres Arbeitsleben hatten und die daher, berechtigterweise, meine Sicht der Dinge nicht teilen können. Ich hoffe, sie sind mir nicht gram, dass MEIN Leben stets von einer strahlenden Sonne begleitet wurde. Ich weiß allerdings auch: Zuviel Sonne – verbrennt.

Die Krawatte

Trotz der spürbaren Routiniertheit konnte die Standesbeamtin der Trauung eine sehr schöne persönliche und individuelle Note verleihen. Für die anschließenden Familienfotos hatte das Wetter in Leipzig sein bestes Gewand angelegt, bevor die kleine Gruppe sich zum 200 Meter entfernten und festlich gedeckten Mittagstisch aufmachte.

Der Sekt wurde gereicht, der Bräutigam klopfte an sein Glas. Erhob sich. Aufgeregt sprach er seine wohl überlegten Worte. Etwas unerwartet wurde noch an ein anderes Glas geklopft. Die zweite Frau seines Vaters. In ihren wenigen Worten bedauerte sie, dass sein leiblicher und vor 5 Jahren verstorbener Vater diesen schönen Tag nicht mehr miterleben durfte. Als Andenken an diesen Tag schenkte sie ihm ein Foto und eine alte Krawatte seines Vaters.

Na ja, es gibt Krawatten, und dann gibt es Krawatten und dann,-  noch sehr hässliche davon. Zuerst dachte ich, ein Glück, dass er sie erst nach der Trauung geschenkt bekam. Eventuell wäre sonst noch der Ruf aufgekommen, sie anlässlich der Zeremonie anzulegen. Unvorstellbar!

Hätte ich sie angezogen?

Ich kannte seinen Vater und mochte ihn sehr. Und heute, mit 64. Definitiv. Ich würde sie anziehen. Ich könnte nicht anders. Heute. Mit 64!

Aber ich kann meine Frage nicht beantworten, ob ich diese hässliche Krawatte auch mit 35 Junglebensjahren, im teuren Anzug neben einer wunderschönen Braut und zwischen all den Haut-de-Couture gestylten Gästen hätte tragen wollen/können?

Aus einer unbedeutenden Frage an mich selbst erkenne ich, dass ich mich selbst nicht kenne. Ich kann mich drehen und wenden wie ich will, keine Antwort will empor steigen. Es sträubt sich mit aller Kraft hervorzutreten, um mir die ersehnte Antwort und damit Gewissheit und Sicherheit zu geben, dass ich ZUMINDEST VON MIR SELBST weiß, wie ich handeln würde wenn ich handeln muss.

Die zweite Frage die sich daraus ergibt, aber nein,- es ist eigentlich schon die Antwort:

Wenn ich mich selbst schon nicht kenne, wie will ich dann andere Menschen jemals wirklich (er-)kennen?

Und wider besseren Wissens, versuch ich`s immer wieder. Und ebenso heißt es immer wieder zum Schluss:

„Überraaaaaaschung!!!“

2 Tage nach meinem Anruf lag sie in der Post. Die Studienbescheinigung der Fachhochschule Koblenz. Ganz unkompliziert. Aus 1978. Respekt. Die Rentenversicherung hat die Zeiten anerkannt. Damit ist ein Rentenantrag mit Abschlägen machbar, was mir bisher nicht möglich war.

Es fühlt sich an, als hätte sich die Luft, die ich einamte, verändert. Denn, ob du in Rente gehen möchtest und nicht kannst, oder ob du kannst, aber nicht weiß, ob du schön möchtest – ist, als wärst du Inhalt völlig verschiedener Welten. Aber, und insgesamt: Es macht die Sache nicht einfacher, denn: es ist ein Wahlrecht, mit vielen „für“ und „wider“. Und jede Entscheidung „für“ etwas, ist auch eine Entscheidung „gegen“ etwas. Klar, sonst wäre es keine „Entscheidung.“

Die Vor- und Nachteile, die mir eine Arbeitswelt beschert, meinte ich, aus der Vergangenheit her beurteilen zu können. (Meinte ich!) Die Vor- und Nachteile eines Ruheständlers sind mir dagegen absolut fremd, verzichtet man mal auf die Klischees, in denen rüstige Rentner braungebrannt und barfuß durch den Sand der Mittelmeerküsten händchenhaltend dahin zu schweben scheinen, den Liebsten lachend so zu betrachten, als hätte man gerade den ersten Kuss im Tanzkurs des 10. Schuljahres bekommen.

In Anbetracht dieses höchstkomplexen Entscheidungsprozesses habe ich erstmal so gemacht, als wäre ich bereits Rentner. Seit nun 5 Wochen. D.h. also, Achtung, gut aufpassen jetzt: erst mal spät ins Bett gehen und ebenso erst mal spät wieder aufstehen. Bis nach der Morgentoilette dann das notwendigste gemacht ist, also Frühstück, Zeitung, Internet, ist auch schon Mittag angesagt. Und weil alles so anstrengend ist, nach dem Mittag erstmal schnarchen. Diese Minimalbewegungen werden anschließend auf dem Fahrrad ausgeglichen, wobei nach nicht zu vielen Kilometern ein Biergarten unwiderruflich als Zielpunkt gesetzt werden muss. Nach ersten spätabendlichen Ausnüchterungserscheinungen, hey,- mal gucken was im Netz abgeht.

„Sinnvoll“ ist etwas anderes. Zu allem Überfluss habe ich mir aber auch noch in Vorfreude auf meine neue „Probezeit“ das Rauchen abgewöhnt. Wenn schon nicht barfuß durch den Mittelmeersand, dann mindestens vegiöki gesund. Jdenfalls, bis gestern. Na ja, das ist einerseits schon toll und sehr angenehm, wenn dich nicht nach jeder Tasse Kaffee dein Suchtgedächtnis daran erinnert, das Rauchen nicht zu vergessen. Andererseits habe ich zu den bisher schon viel zu vielen kg, die mein Körper ständig schleppen muss, jetzt noch 5 kg drauf gelegt. Man, die wieder runter zu schaffen, wow, das wird en`echten Knochenjob.

Hey, so eine Knechtschaft im Ruhestand. Pah..,! Dann lieber,-  RICHTIG arbeiten geh`n.